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Die Orchideenbotanik vom klassischen Altertum bis zur Gegenwart

Teil 2 der Maturarbeit von Roland Wüest

Orchideen als Sexualtäuschblumen

Einen der verblüffendsten Tricks für garantierte Fortpflanzung wendet die Gattung Ophrys (Ragwurz) an: Die Ophrys-Lippen gleichen in Duft, Gestalt und Oberflächenstruktur dermassen stark den Weibchen von Bienen, Hummeln oder Wespen, dass die Insektenmännchen auf diese imitierten sexuellen Schlüsselreize reagieren. Nachdem das Männchen die Ragwurzblütenlippe angeflogen und einen Kopulationsversuch unternommen hat, belädt es sich automatisch mit Samenpaketen (Polinien) der Orchidee. Besucht das Insektenmännchen die nächste Ophrys-Blüte, wird diese zwangsläufig befruchtet. Bei diesem Vorgang nimmt das Tier keinerlei Schaden, aber Nutzen hat es davon auch keinen.
Das Verbreitungsgebiet der Ragwurz-Orchideen erstreckt sich von Mittelnorwegen (nördliche Grenze) bis zu den Kanaren (südliche und westliche Grenze). Die östliche Verbreitungsgrenze bilden Afghanistan und Pakistan.
Als Eldorado für Sexualtäuschblumen beherbergt der Mittelmeerraum etwa 400 Arten. Immerhin ist auch die Schweiz im Genuss folgender sechs Spezies:
•  Ophrys apifera (Bienen-Ragwurz)
•  Ophrys araneola (Kleine Spinnen-Ragwurz)
•  Ophrys elatior (Kleinblütige Hummel-Ragwurz)
•  Ophrys holoserica (Hummel-Rragwurz)
•  Ophrys insectifera (Fliegen-Ragwurz)
•  Ophrys sphegodes (Spinnen-Rragwurz)

Die Blütezeit dieser ausgesprochen hoch entwickelten Orchideengattung liegt in der Schweiz je nach Art und Standort zwischen März (Ophrys araneola und sphegodes) und September (Ophrys elatior).
Wer hingegen die Artenvielfalt im Mittelmeerraum beobachten will, reserviert sich am besten einige Tage im April.
Ophrys elatior - Kleinblütige Hummelragwurz: Foto R. Wüest
Ophrys elatior - Kleinblütige Hummelragwurz
Fotografie: Village-Neuf, Elsass, F; 14.7.2002
Ophrys elatior / Kleinblütige Hummelragwurz: Foto R. Wüest
Ophrys elatior - Kleinblütige Hummelragwurz
mit Bestäuber (Langhornbiene)
Fotografie: Vallon de l'Allondon, GE; 12.7.1998

Orchideenhybriden

Gedeihen in einem Biotop zwei oder mehrere Orchideenarten, die von denselben Bestäubern besucht werden, und stimmen überdies die genetischen Voraussetzungen überein, kann es zur Bildung von Kreuzungen kommen. Kaum eine andere Pflanzenfamilie neigt so stark zur Hybridisation wie die Orchideen.
In der aktuellen Botanik unterscheidet man drei Bastardtypen:
  . intergenerische Hybriden
    Kreuzungen zwischen Arten verschiedener Gattungen
  . interspezifische oder intragenerische Hybriden
    Kreuzungen zwischen verschiedenen Arten derselben Gattung
  . intraspezifische Hybriden
    Kreuzungen zwischen Unterarten, Varietäten, Formen oder Rassen derselben Spezies
 
Die meisten Orchideenbastarde sind steril (unfruchtbar). Es gibt nur wenige Kombinationen, die in der Lage sind, sich zu vermehren.

Hybride (intergenerisch):

Orchis morio x Serapias neglecta: Foto R. Wüest
Orchis morio x Serapias neglecta
Fotografie: Santa Giulia, Ligurien, I; 4.5.1996
Orchis morio / Kleines Knabenkraut: Foto R. Wüest
Orchis morio / Kleines Knabenkraut
Fotografie: Santa Giulia, Ligurien, I; 4.5.1996
Serapias neglecta / Verkannter Zungenstendel: Foto R. Wüest
Serapias neglecta / Verkannter Zungenstendel
Fotografie: Santa Giulia, Ligurien, I; 4.5.1996

Schlusswort

Die artenreichsten Orchideenbiotope finden wir in unseren Breitengraden zweifelsohne in Magerwiesen, Feuchtgebieten oder lichten Föhrenwäldern. Da die meisten Orchideen kalkhaltigen Untergrund verlangen, ist der grösstenteils aus Granit bestehende Alpenraum verhältnismässig orchideenarm. Ein paar anspruchslose Gebirgsorchideen besiedeln dennoch grasige Stellen der Hochalpen und klettern in günstigen Lagen bis gegen 3000 Meter hinauf.
Seitdem Naturschutzorganisationen wie die AGEO Aargau sich vehement für den Schutz sowie die botanischen Vorzüge der einheimischen Orchideen einsetzen und regelmässig Bestandeskontrollen durchführen, sind die Individuenzahlen in den letzten Jahren im Grossen und Ganzen gestiegen. Im Südtessin beklagt man allerdings vier Sorgenkinder, deren Habitate in Bauzonen oder am Rande einer landwirtschaftlich genutzten Weide liegen. Die Regeneration dieser stark gefährdeten bis vom Aussterben bedrohten Arten wird durch wiederkehrendes Überbauen oder Jauchen stets neu beeinträchtigt.
Mit den genannten Aktivitäten sind wir aber grundsätzlich auf dem richtigen Weg, in unseren Gefilden sämtliche Vertreter dieser faszinierenden Pflanzenfamilie vor dem Verschwinden zu bewahren. Bedauerlicherweise kommt in vielen Ländern der Erde das Kommerzdenken weit vor dem Naturschutz. Von den fatalen Spätfolgen (Artensterben, Erosion, Überschwemmungen) sprechen die Verantwortlichen nicht.
Die sinnlosen Abholzungen und Brandrodungen der tropischen Regenwälder zu stoppen liegt leider nicht in unserer Macht.

Quellenverzeichnis

Bücher

Hans R. Reinhard / Peter Gölz / Ruedi Peter / Hansruedi Wildermuth: "Die Orchideen der Schweiz und angrenzender Gebiete"; Fotorotar AG, Druck + Verlag, Egg (ZH), 1991
Edeltraud und Othmar Danesch: "Orchideen"; Hallwag AG, Bern, 2. Auflage, 1977
Pierre Delforge: "Guide des Orchidées d'Europe, d'Afrique du Nord et du Proche-Orient"; Delachaux et Niestlé S.A., Lausanne - F-Paris, 1994
F.A. Brockhaus: "Der Grosse Brockhaus in einem Band"; F.A. Brockhaus GmbH, D-Leipzig, 2003

Mitteilungshefte

Arbeitskreis Heimische Orchideen Baden-Württemberg (AHO) - Siegfried Künkele: "Beiträge zur Geschichte der europäischen Orchideen"; Mitteilungsblatt 2/87, D-Tübingen, Juni 1987
Arbeitskreis Heimische Orchideen Baden-Württemberg (AHO) - Siegfried Künkele / Richard Lorenz: "Beiträge zur Geschichte der europäischen Orchideen im 16. Jahrhundert"; Mitteilungsblatt 3/90, D-Tübingen, September 1990
Revue de la Société Française d'Orchidophilie - L'Orchidophile n° 156, F-Paris, avril 2003

Internet

Orchideenbotanik       http://www.beepworld.de/members27/andreasorchideen/orchideenbotanik.htm
Basler Botanik-Tagung 2002 - Biologie der Orchideen       http://www.unibas.ch/botges/tagung/08/1.htm
Orchideen-Geschichte-Verwendung - Orchideen-Forum     http://www.orchideen-forum.de/board/showtopic.php?threadid=5374
Botanik online: Geschichte einer Wissenschaft - Carl von Linné http://www.biologie.uni-hamburg.de/b-online/d01/linne.htm
Carl von Linné       http://home.tiscalinet.ch/biografien/biografien/linne.htm
Prinz Maximilian zu Wied - Leben und Werk - Neuwiedia       http://www.zuwied.de/hachenburg/pmw19.htm
Botanik online: Evolution - Darwin und die Selektionstheorie   http://www.biologie.uni-hamburg.de/b-online/d36/36b.htm
Charles Darwin - British Naturalist       http://www2.lucidcafe.com/lucidcafe/library/96feb/darwin.html
The writings of Charles Darwin on the web       http://pages.britishlibrary.net/charles.darwin3/orchids/orchids_07.htm
Ein Besuch im Reichenbach-Herbar       http://www.orchideen.at/Aus_OK/Reichenbach.htm

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Aktualisiert 02. 03. 2009

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