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Exkursion Pflegegebiete Birmenstorf und Villnachern 5. Mai 07

Text und Bilder: Göpf Grimm


Walter Lüssi"Muss die vierwöchige Trockenperiode ausgerechnet heute von Regenschauern abgelöst werden?" haben sich Daheimgebliebene und die 18 unentwegten Exkursionsteilnehmer gefragt. Die extreme Trockenheit hat allen frühblühenden Orchideen stark zugesetzt. Am Bahnbord bei der Station Villnachern beispielsweise hatten Mitte April über 500 Kleine Spinnen-Ragwurz (Ophrys araneola) geblüht - heute ist alles verdorrt, auch die knospenden Helm-Orchis (O. militaris) leiden. An anderen sonnenexponierten Lagen ist die Situation kaum besser. Doch Walter Lüssi, unser Exkursionsleiter, weiss aus der Not eine Tugend zu machen.
Im Pflegegebiet "Schluh" oberhalb Birmenstorf blühen im Buchenwäldchen zum Auftakt gut 40 Weisse Waldvögelein (Cephalanthera damasonium), da keimt bereits das Grosse Zweiblatt (Listera ovata) auf und auch die Braunrote Stendelwurz (Epipactis atrorubens) streckt ihre Sprosse, deutlich erkennbar an der purpurroten Färbung der unteren Stängel- und Blattpartien. Im steilen, lichten Föhrenwald füllt Walter die durch die Trockenheit gerissenen Lücken geschickt durch kleine Vorträge aus, was da sonst geblüht hätte und dort einmal geblüht hatte: von der Moosorchis (Goodyera repens), die von einem scharrenden Rehbock dezimiert dank Walters Pflege überlebt hatte, bis sie durch den lichtenden Eingriff des eifrigen Försters vertrieben wurde; von der Sumpf-Stendelwurz (Epipactis palustris), der es offenbar schon längst zu trocken wurde; von der Affenorchis (O. simia), die von eifrigen deutschen Botanikern angepflanzt nach wenigen Jahren wieder verschwunden war.


2 Bastarde Fliegen-RagwurzJa diese Botaniker! Sie haben sich auch als eine Art Orchideen - Heiratsvermittler betätigt, gehen doch eine Reihe von interessanten Bastarden womöglich auf ihre Kreuzungsversuche zurück.
Was wir nun wirklich zu sehen bekommen, sind schöne Exemplare von Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera), verdorrende und eine einzige blühende Kleine Spinnenragwurz, Rosetten von Waldhyazinthen (Platanthera, beide Arten), sprossende Mücken-Handwurz (Gymnadenia conopsea) und als absolute Höhepunkte drei Hybriden: ein Bastard von Fliegen-Ragwurz x Kleine Spinnen-Ragwurz und zwei Bastarde Fliegen-Ragwurz x Hummel-Ragwurz (Ophrys holoserica). Die Seltenheit und die ausserordentliche Schönheit dieser Blüten entschädigen für die schmerzlichen Ausfälle infolge der Dürre.

links Riemenzunge, rechts Hummel-Ragwurz Wird es in Villnachern besser sein? Nein, im Steilhang über dem Pflegegebiet Tunnelportal zeigt sich ein ähnlich tristes Bild. Walter Lüssi erklärt uns, was auf jedem Quadratmeter in früheren Jahren einmal geblüht hat. Von all den Ragwurz-Arten bleiben schlaff abblühend ganze drei Hummel-Ragwurzen und etliche verblühte Kleine Spinnen-Ragwurzen, keine einzige Fliegen-Ragwurz, vielleicht im Juni noch eine Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera). Etwas besser sieht es am benachbarten Bahndamm in Richtung Westen aus. Hier blühen 30 Helm-Orchis und im abgeholzten Waldstück etliche Weisse Waldvögelein. Das von Walter längst angekündigte Highlight aber müssen die Exkursionsteilnehmer selber entdecken: "Was? Wo?" Das grosse Suchen beginnt.
Endlich wird sie entdeckt: gut hellgrün getarnt, aber das Gras deutlich überragend eine mächtige Riemenzunge (Himantoglossum hircinum) in voller Blüte. Wir sind Zeugen einer Première dieser majestätischen Art an diesem Standort. Wie ihre Samen dahin gekommen sind, darüber können wir nur spekulieren - möglich ist die Verbreitung durch vorbeifahrende Züge, sind doch sonnige Bahnborde bevorzugte Standorte der Riemenzunge.

Das Mittagessen wird im Regenschatten der zugigen Bahnunterführung auch entsprechend zügig eingenommen. Regengüsse können den Kaffee nicht ersetzen. So wird denn bald nach Villnachern - Station disloziert. Im vertrockneten Hang über dem Bahnweg gibt es nichts zu sehen. Walter, der die Gegend seit Bubenzeiten kennt, schildert die Veränderung dieses orchideenreichen Gebietes zu einer beliebten Bauzone. Eine in den Hang hinein getreppte Pergola im Tessiner Stil mag schön sein, in unsern Augen aber kein Ersatz für die einst hier heimischen Orchideen. Im Aufstieg zum Naturschutzgebiet Deckerhübel begegnen wir aber auch besser angepassten Gartenanlagen: in einem Garten gleich an der Strasse entdecken wir mehrere blühende Exemplare des Grossen Zweiblattes.


Foto Göpf Grimm Auf dem Deckerhübel haben im Schatten eines Föhrenwäldchens und dank feuchterem Untergrund gleich über ein Dutzend Hummel-Ragwurz die Trockenheit unbeschadet überstanden, zwei Pflanzen mit auffallend dunkelroten Sepalen. Von den verblühten Kleinen Spinnen-Ragwurz sind da und dort fruchtende Exemplare zu entdecken und schliesslich zählen wir gegen den Waldrand hinauf im lichten Föhrenwald über 50 Schwertblättrige Waldvögelein (Cephalanthera longifolia). So findet die verregnete "Sahel - Exkursion" doch noch einen blühenden Abschluss.
 
Mit einem "herzlichen Dank, Walter!" kann Paolo Trevisan den lehrreichen Ausflug im Namen aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer schliessen.


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Aktualisiert 26. 02. 2009

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