Ausblenden ausblenden Startseite   Veröffentlichungen   Epipogium aphyllum 2000 bis 2007




Epipogium aphyllum Sw.

Text und Fotos: Thomas Ulrich


Einzelblüte Widerbart, Foto Thomas UlrichEinzelblüte Widerbart, Foto Thomas UlrichAls wir im Jahre 2000, Jahr der „Dact. fuchsii“, ca. 550 Quadratkilometer Schweizer Mittelland und erste Jurakette durchsuchten, haben wir etliche Schleichwege kennengelernt. So sind wir am 19. Juli 2000 im Jura eine kleine Fahrstrasse entlang gefahren, mit einem Auge den Waldsaum im Blick, das andere auf die Strasse gerichtet. Wie es der Zufall so wollte, erkannte ich in meinem Augenwinkel ein seltsames Pflänzlein. Nichts ahnend, was uns erwartete, stiegen wir aus und fanden 2 prächtige Exemplare des Widerbartes an einer neuen unbekannten Stelle. Intensives Suchen erhöhte die Anzahl auf 22 Einzelexemplare – nur der Fotoapparat war zu Hause. Am 20.7. ging es mit Kamera (noch analog) erneut ins Gebiet und die Enttäuschung war gross, denn von den 22 Exemplaren waren 11 verschwunden abgefressen vom Wild oder Schnecken (? keine Schleimspur). Die verbliebenen Exemplare wurden fotografiert. Stolz haben wir uns vorgenommen, dieses Gebiet Jahr für Jahr zu untersuchen, in der Hoffnung den Standort zu bestätigen. So sind nun erfolgreiche 8 Beobachtungsjahre vorbei und weitere Informationen über diese seltsame Orchidee wurden zusammengetragen.

Ein Artikel in den Berichten aus den Arbeitskreisen Heimische Orchideen[1] erweckte meine Aufmerksamkeit und veranlasste mich zu diesen kleinen Beitrag. Zunächst ein paar Zitate:
Zitat[1] zum Biotop:
„…Hier ist diese Orchidee noch mit anderen Arten aus dieser Pflanzenfamilie vergesellschaftet, u.a. mit dem Bleichen Waldvögelein (Cephalanthera damasonium (Mill.) Druce), dem Langblättrigen Waldvögelein (C. longifolia (L.) Fritsch), an lichteren Stellen mit dem Roten Waldvögelein (C. rubra (L.) L.C.Richard)…“
Volltreffer, die Biotopbeschreibung des Buchenwaldes in Thüringen gleicht in weiten Teilen unserer Jura-Fundstelle.
Zitate[1] zum Bestäuber / zur Samenreife:
„…Insektenbesuch, von den immer wieder genannten Hummeln (Bombus spec.), haben wir bisher nicht wahrnehmen können…“
„…Der bei Ziegenspeck (1936) von Rohrbach geschilderte Besuch einer Epipogium-Blüte durch eine Bombus lucorum wird heute routinemässig in den verschiedensten Abhandlungen zitiert, weil es dazu kaum andere Beobachtungen gibt …“
„…Der ausbleibende Insektenbesuch regte uns an, eine künstliche Bestäubung vorzunehmen, um überhaupt selbst erst einmal die Fruchtkapseln und ihre Entwicklung kennen zu lernen. …“

2. Volltreffer oder „Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn“

Biotop / Wetter / Blütezeit / Bestäuber / Samenreife - eine Gesamtbilanz unserer Beobachtungen

Jahr Datum Anzahl Standorte Anzahl Kommentare
2000 19.7.
20.7.
4 11, 8, 2, 1 22 Ex.; Population mit 11 Ex. am 20.7. abgefressen.
2001 14.7. 9 18, 10, 15, 18, 13, 18, 11, 35, 5 143 Ex. ; Nach ca. 2 Wochen konnte ein Fruchtansatz von 25-30% beobachtet werden
2002 22.7 2 18, 2 20 Ex.
2003 1.8 1 1 1 Ex., Ganzes Gebiet abgesucht
2004 div. 0 0 Ganzes Gebiet mehrfach Mitte Juli abgesucht.
2005 1.7. 1 1 1 Ex., (Angabe Ester&René Ammann); Mitte Juli keine weiteren Funde
2006 4.8 1 46 46 Ex., Wald wurde 2003/04 stark eingeholzt, nun sehr licht. Widerbart-Population weicht gegen Westen aus (?)
2007 30.6 1 6 6 Ex. (2bl, 4 kn); Juli keine Funde
        Total 239 Ex. in 8 Jahren

Die Standorte liegen mindestens 100 m auseinander!
Eigentlich könnten wir die in der Literatur angegeben Fakten für die 8 Beobachtungsjahre teilen, wenn da nicht dieses spezielle Jahr 2001 gewesen wäre, in dem wir sage und schreibe 143 Exemplare, teils in dichten Büscheln, gefunden hatten (bisher einer der grössten Funde im Schweizer Jura). Dass dieser Fund und die Beobachtungen im 2001 etwas so Besonderes darstellten, wurde uns erst nach dem Studium der Literatur diesen Winter klar.


neu ausgebauter  Waldweg im Gebiet, Foto Thomas UlrichDie Fundstellen beschränken sich auf ein Gebiet von ca. 1 Quadratkilometer und halten sich ziemlich genau an die Gemeindegrenze – Orchideen finden sich nur in diesem Gebiet, obwohl der Waldhang etliche km lang und von der Geologie einheitlich ist. Man findet in dem Gebiet alle Cephalanthera-Arten, diverses Epipactis-Arten inkl. Epi. microphylla in stattlicher Grösse sowie Neottia nidus-avus und Plathanthera bifolia. Auch der Fichtenspargel zeigt sich in grösserer Anzahl Jahr für Jahr. Aus der Geschichte der umliegenden Gemeinden zeigt sich, dass die Waldnutzung und Aufforstung über die Jahrhunderte hinweg mit mehr oder weniger „Raubbau“ für die damalige Industrie erfolgte. Heute ist der Buchenwald der Epipogiumfundstelle ein „alter Buchenwald“ mit einigen Rottannenaufforstungen, während die umliegenden Gemeinden ihre Wälder vermehrt ausgelichtet und gerodet haben. Inzwischen (seit 2003/4) geht es unserem Wald genauso. Holzschlag mit neuen Fahrstrassen durch das Widerbart-Biotop machen den Wald lichter und die lichthungrigen Orchideenarten werden mehr. (N.B. Die Waldrodung erfolgte trotz Information der kantonalen Behörden über das Epipogium-Kleinod).

Beobachtungen in Südbaden geben uns Hoffnung[3]:
„…Es macht der Art offenbar keine Schwierigkeiten, Aufforstungen bereits nach wenigen Jahren, also im Zustand des Jungfichtendickichts, wieder mit starken Populationen zu besiedeln. … Andererseits taucht die Art auch immer wieder in Stangenforsten auf, wo sie vorher nie gesehen wurde, und hält sich in älteren Waldteilen jahrzehntelang. ..“
Wie unsere Widerbart-Population mit dieser Situation fertig wird, wissen wir (noch) nicht, hingegen ist uns klar geworden, was es braucht, um ein erfolgreiches Blütejahr zu bekommen – genauer gesagt, was es nicht braucht. Trockene Frühlingsmonate sind kein guter Start für das Epipogium-Jahr. Eine langliegende Schneedecke an den Nordhängen ist u.U. genauso fördernd wie ein verregneter Frühling. Ein trockener Sommer bringt genauso wenig ein reiches Blühjahr. Die besten Jahre waren bisher, die mit einem „schlechten Sommer“ einem verregneten Juni, viele intensive Gewitter im Juni/Juli. Dies führt zu Blütentrieben die bei einer Höhenverbreitung von 800-1000m ü. NN bereits Ende Juni erscheinen und Anfangs August wieder verschunden sind.
Auch hierzu gibt es in der Literatur unterschiedliche Angaben, ob intensive Gewitterregen die Blühfähigkeit des Widerbartes beeinflussen. So wurde bereits 1894 bemerkt[2]:
„… Das Auffinden dieser merkwürdigen Pflanze bereitet grosse Freude, zumal ihr oberirdischer, blütentragender Teil zuweilen Jahre, ja nicht selten Jahrzehnte lang ausbleibt und sie deshalb an den meisten ihrer bereits bekannten Fundorte vergebens gesucht wird; starke Gewitterregen zur Frühjahrszeit sollen nach Irmisch das Erscheinen begünstigen…“


Pflanzengruppe Widerbart, Foto Thomas Ulrichknospender Spross Widerbart, Foto Thomas Ulrich Die nebenstehende Aufnahme eines austreibenden Blütentriebes entstand 2007 nach einer ausgeprägt regnerischen Periode Ende Juni. An alpinen Standorten der Schweiz ist die Hauptblütezeit Mitte Juli/Anfang August, also ca. 4 Wochen später – vielleicht ist dies der Grund, dass Epipogium aphyllum im Jura so selten gefunden wurde.
Wir suchen Epipogium aphyllum einfach zu spät (Anmerkung: Vielleicht sollten wir dieses Jahr im Jura auch bei der Suche der Listera cordata früher beginnen, d.h. eher Mai als Anfang Juni?).


Einzelne Blütentriebe zerfallen in wenigen Tagen, sofern sie nicht abgefressen werden. 2001, im Jahr des „Violetten Dingels“ hatten wir mit dem Wetter ausserordentlich Pech. Ausgeprägte Regenperioden vermiesten uns die Suche und der Dingel wollte auch nicht gerade übermässig spriessen.
Dem Widerbart hingegen bekam diese Wetterlage im Jahre 2001, wir zählten insgesamt 143 Exemplare. Stattliche Einzelpflanzen sowie Büschel mehrerer Blütenstände waren an ca. zehn Stellen im Wald verstreut. Wir hatten sogar das Glück einen Bestäuber zu fotografieren - bis das Blitzgerät auf Grund der hohen Feuchtigkeit seinen Geist aufgab.

Widerbart mit Bestäuber, Foto Thomas UlrichWiderbart mit Bestäuber, Foto Thomas Ulrich

Helle Erdhummel (Bombus lucorum), www.wildbienen.deAckerhummel (Bombus pascuorum), www.wildbienen.de Beim Bestäuber (2001; Bilder oben) handelte es sich in unserem Fall vermutlich um eine Ackerhummel (Bombus pascuorum, dunkles Hinterteil, vgl. Bild links) und sicher nicht um eine Helle Erdhummel (Bombus lucorum, weisses Hinterteil, Bild rechts), so wie es in der Literatur beschrieben, aber auch öfters angezweifelt wird.[4]
Die beiden Aufnahmen rechts und links stammen aus dem Internet, zu finden unter http://www.wildbienen.de.

Widerbartgruppe mit Samen, Foto Thomas UlrichWiderbart, Foto Thomas UlrichDie Epipogium Population zeigte nach wenigen Tagen einen Samenansatz (2001, Bild links) von 25-30%! Die dicken Samen kamen zur Reife und feiner „Orchideenstaub“ verbreitet sich. Leider haben wir keine Fotografien davon gemacht, sondern uns nur darüber gefreut , nichts ahnend, dass diese Beobachtung nicht jedem Orchideenfreund widerfährt. Auch wenn sich die verschiedenen Autoren uneins sind, ob der Widerbart sich überhaupt generativ fortpflanzt, hoffen wir, dass die Aussaat von ca. 150 Samenkapseln im Jahre 2001 doch wiederum in einigen Jahren ihre Früchte trägt.
 Die Aufnahme (rechts) entstand 2006; man sieht Blüten sowie aufplatzende Samenkapseln (oben rechts heraus vergrössert). Dies zeigt, dass die Samenbildung  nicht unbedingt eine allzu seltene Angelegenheit ist, wie oft berichtet wird. [1],[4] Reineke&Rietdorf[3] berichten z.B. von 4 fruchtenden Exemplaren bei 2000 Pflanzen, welche sie im Laufe der Jahre an einem uns wohlbekannten Standort in Südbaden beobachtet haben.


Obwohl die AGEO in den Jahren 1997-1999 im Programm „Jahr der…“ alten Angaben zum Widerbart gezielt nachging, denken wir, dass es Sinn macht, mit den neuen geschilderten Beobachtungen dieses Jahr den einen oder anderen Standort im Jura nochmals zu besuchen.


 Wer von Euch kramt seine alten Unterlagen nochmals heraus und macht mit?


Literatur:

[1] J. Reinhardt „Über das Vorkommen einer potentiell sehr gefährdeten Orchideenart auf dem Eichsfeld – der Blattlose Widerbart (Epipogium aphyllum Sw.)“; Ber. . Arbeitskrs. Heim. Orchid. 2003 (20) 114-127
[2] Max Schulze „Die Orchidaceen Deutschlands, Deutsch-Oesterreichs und der Schweiz“ 1894
[3] D.Reineke, K.Rietdorf „Bemerkungen zu Epipogium aphyllum Sw. in Südbaden Ber. Arbeitskrs. Heim. Orchid. 1998 (15) 52-62
[4] Fritz Füller „Limodorum, Epipogium, Neottia, Corallorrhiza“ Neue Brehm-Bücherei 1967

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Aktualisiert 01. 10. 2009

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