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Ein Hütetag in Erlinsbach

Text Gundolf Meyer, Fotos: Anna Basler & Gundolf Meyer


Blick vom Lehrpfad Erlinsbach auf das Dorf, Foto G. MeyerEine Erlinsbach-reiche Woche liegt hinter mir. Am Mittwoch, den 14. Mai 08, hatte ich die Führung einer Wandergruppe des Skiclubs Gerlafingen übernommen, zusammen mit Walter Lüssi. Am Tag vorher rekognoszierte ich den Lehrpfad anhand der aktuellen Liste von Peter Stoeckli. An der Tafel „Gemeine Kreuzblume“ begann ich zu zweifeln und glaubte, dass es sich hier um die „Schopfige Kreuzblume“ handelt. Auch Herr Stoeckli führt nur diese Art auf.
Das Wetter war in der ersten Wochenhälfte sonnig und sehr warm. Für das Wochenende waren die Prognosen eher düster. Als Luise und ich am Samstagmorgen erwachten, war der Himmel bedeckt, die Strassenränder nass, die Fahrbahnen aber abgetrocknet. Es hatte also in der Nacht geregnet. Der Regenmengenmesser zeigte 2-3 mm an, die Voraussetzungen für den Hüteeinsatz waren also nicht schlecht. Nach dem Zmorge packten wir unsere Utensilien ein, die Flora Helvetica, den Fotoapparat, Prospekte, die aktuelle Pflanzenliste, Verpflegung und Getränke. Auf der Fahrt nach Erlinsbach hellte es etwas auf. Dunkle Wolkenfetzen zogen immer wieder vorüber. Wir trafen gegen 9.30 Uhr am Lehrpfad ein. Es blieb den Tag über weitgehend trocken.
Die Wiese lag vor uns im Morgendunst, sie strahlte eine himmlische Ruhe aus. Wir waren allein. Mit Luise machte ich einen Rundgang und zeigte ihr die interessanten Partien und Pflanzen. Ich erkundete dann, Luise las inzwischen die Tageszeitung, die westlich und nördlich liegenden Waldpartien. Sah auch dort Orchis militaris und Cephalanthera longifolia, sogar jenseits des tief liegenden Grenzweges auf der grossen Wiese weiter oberhalb. Zurück auf unserem Hang, es war inzwischen 11.30 Uhr, sah ich von weitem ein erstes Besucherpaar, mit Luise sprechend. Sie kannten sich anscheinend aus und zogen zum Fotographieren weiter.
Bald darauf erschien ein zweites Paar. Ihn erkannte ich sofort als ABB-Kollegen, seit etwa 20 Jahren nicht mehr gesehen. Er kam mit seiner Frau das erste Mal hierher und war sehr interessiert. Wir gingen durch den Hang und diskutierten lebhaft über Geschichte, Lebensbedingungen und Vorkommen der Orchideen. Sie waren erstaunt, dass die Orchideen allein ohne Nachhelfen den Weg auf diese Wiesen gefunden hatten. Sie bekundeten ihr Interesse an unserem Verein. Selbstverständlich gab ich ihnen unseren Faltprospekt gratis mit und sie liessen sich unsere Adresse geben.


Hummelragwurz, Foto A. Basler Schopfige Kreuzblume, Foto G. MeyerZwei weitere Paare erschienen und drehten ihre Runden. Da stiegen mit etwas Mühe zwei Frauen die Stufen zum Eingang herauf, eine jüngere, wohl Anfang 20 und eine viel ältere. Diese kam aus dem Altersheim in Laurenzenbad. Ihr Wunsch war seit langem, den Lehrpfad einmal kennen zulernen. Ihre junge Verwandte hatte sich als Begleiterin anerboten.
Wir kamen ins Gespräch. Die ältere Frau fragte unter anderem, ob es auch möglich sei, die hier wachsenden Orchideen im Garten zu kultivieren. Ich versuchte, die besonderen Ansprüche der Orchideen zu erklären. Zum Beispiel die Symbiose mit Fadenpilzen ... ihre Begleiterin unterbrach mich kurz: also die Mykorrhiza. Ich stutzte ob dieser Kenntnis. Sie kaufte sogleich den Faltprospekt und das Heftli zu 12 Fr. Dann gingen wir den nicht zu steilen Weg links aufwärts, bis zu den Hummel-Ragwurzen. Beide waren von ihnen begeistert. Kurz danach passierte ein Missgeschick. Die alte Frau rutschte aus und purzelte etwa ein Meter weit die Wiese hinunter. Zum Glück war ihr nichts passiert. Sie sei 93 Jahre alt und habe ihr Leben lang viel Sport getrieben! Ich nahm sie dann für den Rest des Weges an die Hand und wir schauten noch ein paar weitere Orchideen an: Puppenorchis, Zweiblatt, Helmorchis. Sie und ihre Begleiterin hatten grosse Freude.


Schopfige Kreuzblume, Detail,  A. BaslerAls wir an der Tafel „Gemeine Kreuzblume“ vorbei kamen, äusserte ich mein schon erwähntes Bedenken über diesen Namen.
Die junge Frau schaute kurz eine Blüte an und sagte: nein, das ist die „Schopfige Kreuzblume“. Erstaunt sah ich sie an und fragte, ob sie Botanikerin sei. Sie lachte: nein, sie studiere Forstwirtschaft. Wir haben kaum dankbarere Begegnungen erlebt als mit diesen zwei Frauen. Die zwei Fotos schickte sie mir am folgenden Tag per e-Mail zu.

gemeinsames Foto, Foto A. Basler

Kurz vor unserem Weggehen tauchten überraschend noch gute Freunde von uns auf, die von unserem Hütedienst nicht gewusst hatten. Sie liessen sich gerne von uns führen. Trotz des unsicheren Wetters kamen an diesem Tag etwa 15 Personen auf den Lehrpfad. Unsere Anwesenheit hat sich gelohnt. Kaum mit unserem Auto abgefahren, setzte wolkenbruchartiger Regen ein!
Ich danke der jungen Forstwirtschafterin, Fr. Anna Basler, für die Erlaubnis zur Publikation ihrer beiden Aufnahmen und der Schilderung unserer gemeinsamen Erlebnisse.


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Aktualisiert 23. 03. 2009

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