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Die kühle Schwedin vom Rödingsnäset

Autor und Fotos: Roland Wüest


Nigritella runei, Foto Roland WüestSeit Stephan Epples beeindruckendem Dia-Vortrag „Florenvergleich Alpen – Skandinavien“ vom 19. April 2007 hegte ich den diskreten Wunsch, die boreale Landschaft, Flora und Fauna Nordskandinaviens einmal hautnah zu erleben. Besonders fesselten mich die beiden skandinavischen Nigritella-Arten, nigra und runei (Schwarzes und Runes Männertreu).
Von der im nordschwedischen Västerbotten (Polarkreis-Region) endemischen Nigritella runei (Runes Männertreu oder Braut-Kohlröschen, schwed.: Brudkulla), die zu den seltensten Orchideen Europas gehört und lediglich an vier Standorten in Form von wenigen Exemplaren vorkommen soll, fand ich im Internet zwei Habitatsangaben. Eine dritte Fundstelle wird im Buch „Die Orchideen Europas“ von Helmut Baumann, Siegfried Künkele und Richard Lorenz, Ausgabe 2006, erwähnt.
Der verstorbene Botaniker Prof. Dr. Olof „Olle“ Rune entdeckte als Lokalmatador 1960 diese prächtige Nigritella-Spezies. Aufgrund ihrer leuchtend bordeauxroten Blütenfarbe bezeichnete er sie liebevoll als „rote Ampel im Fjäll“ (fjäll [schwed.] = Gebirge). 1989 nahmen die beiden österreichischen Forscher Prof. Dr. Herwig Teppner und Dr. Erich Klein den Endemiten genauer unter die Lupe. Olle Rune zu Ehren gaben sie ihm den wissenschaftlichen Namen Nigritella runei. Mit Bedacht auf die festgestellte hybridogene Artbildung aus Gymnadenia conopsea (Mücken-Handwurz) und Nigritella nigra (Schwarzes Männertreu) existiert auch das Synonym Gymnigritella runei.

Nigritella runei, Gymnigritella runei
Runes Männertreu, Braut-Kohlröschen
Rödingsnäset, Västerbotten, Nordschweden; 12.7.2008

Nigritella runei, Foto Roland WüestDie Pflanze wird 10-30 cm hoch und besitzt 6 - 10 rosettenartig angeordnete Laubblätter (3-9,5 cm x 0,25-0,6 cm). Ihre Infloreszenz gestaltet sich halbkugelig bis eiförmig, dicht (1,5 - 2,8 cm x 1,7-2,8 cm), mit 20 - 50 für Nigritella-Verhältnisse grossen Blüten, deren feiner Duft an Vanille erinnert. Sie blüht von Mitte Juni bis Ende Juli und gedeiht auf von Rentier-Herden (Rangifer tarandus) durchstreiften kalkhaltigen Fjäll-Magerrasen oberhalb der Waldgrenze zwischen 600 und 850 m ü. M. Trotz strengsten Naturschutzes gilt die Art infolge „Orchideentourismus“ (Ausgraben, Herbarisieren) als vom Aussterben bedroht!
Edith, meiner Freundin, brauchte ich meine Vision nicht lange schmackhaft zu machen. Als Skandinavien-Fan war sie von der Idee hell begeistert.
Über das Internet buchten wir für die erste Juli-Hälfte eine günstige Garni-Pension ausserhalb von Tärnaby, einem Tourismusort im nordschwedischen Västerbotten nahe der norwegischen Grenze, welcher dank seinen Skistars einen hohen Bekanntheitsgrad geniesst. So freuten wir uns enthusiastisch auf einen intensiven Nordland-Sommer.
Es war Donnerstag, der 10. Juli 2008. Inzwischen hatten wir im Västerbotten bereits eine herrliche Akklimatisationszeit verbracht und uns mit dem Polartag gut angefreundet. Vier Tage zuvor hatte sich die Nigritella runei in einem einzigen aufblühenden Exemplar im Tärnafjällens Naturreservat gezeigt.
Heute begaben wir uns auf die Spuren Olle Runes in Richtung Rödingsnäset, Locus classicus dieser faszinierenden Orchidee. Wenige Kilometer nördlich von Tärnaby führt eine Nebenstrasse mit festgefahrenem Naturbelag entlang des Tängvattnets (See) nach Rönäs. Unmittelbar nach der Brücke über den Ruttjebäcken, einen wildromantischen Gebirgsbach, befindet sich ein Parkplatz (480 m ü. M.), der als Ausgangspunkt für Rödingsnäset-Wanderungen dient.
Bei Bilderbuchwetter und idealer Temperatur führte uns der Weg vorerst dem rechten Bachufer entlang talaufwärts auf eine Anhöhe, die mit Fjäll-Birken (Betula tortuosa) bewaldet ist. Trotz erstklassiger Vorbeugung machten uns hier viele aggressive Stechmücken (Theobaldia annulata) und Regenbremsen (Haematopoda pluvialis) zu schaffen. Immer wieder schmückten prächtige Dactylorhiza maculata (Gefleckte Fingerwurz) und Gymnadenia conopsea (Mücken-Handwurz) die Route. An der Waldgrenze verläuft sich der Pfad in der Wildnis. Von dort an galt es, sich markante, für den Abstieg hilfreiche Objekte einzuprägen. Den interessantesten Merkpunkt an dieser Stelle bildete eine stattliche Mücken-Handwurz-Fünfergruppe, verstärkt durch eine kräftige Albino-Pflanze, am Rande eines Hangmoors.
Oberhalb der Waldgrenze versteckte sich die Sonne hinter einer dicken Wolkendecke. Ohne Sonneneinstrahlung sank die Temperatur in Kürze beträchtlich. Zudem pfiff uns ein rauer Polarwind um die Ohren. Zuoberst auf einem kleinen Hügel machte ein Nordischer Goldregenpfeifer (Pluvialis apricaria ssp. altifrons) lautstark auf sich aufmerksam, um vermutlich von seinem Nest unten in der Zwergstrauchheide abzulenken. Stets das Rödingsnäset im Blickfeld, erklommen wir das letzte Teilstück.
In Bälde erreichten wir den 844 m hohen Gipfel. Obschon der Himmel bedeckt war, fanden wir einen ausgezeichneten Rundblick in die nordskandinavische Bergwelt vor. Gewisse Erhebungen liegen auf norwegischem Territorium. An einer einigermassen windgeschützten Stelle schalteten wir im felsigen Gelände die Mittagsrast ein. Dabei beobachteten wir fortwährend das Wetter. Es blieb stark bewölkt und frisch.

Blüte Nigritella Runei, Foto Roland WüestNach dem Lunch zog es uns in die Südhänge des Berges. Diese Intuition war insofern Gold wert, als wir auf der Fjäll-Wiese plötzlich auf Rentier-Exkremente und abgestreifte Haarbüschel stiessen. Punkto Orchideen erfreuten wir uns immerhin an Coeloglossum viride (Grüne Hohlzunge) und Pseudorchis albida (Weisse Höswurz). Diese günstigen Komponenten liessen mehr erhoffen. – Und ob! Sekunden später erspähten wir aus der Distanz tatsächlich einen dunkelroten Punkt im Abhang. Vorerst wallendes Adrenalin, anschliessend überschäumende Freude: Edith und ich standen vor einer Nigritella runei in Hochblüte, und in der steilen Böschung oberhalb eines Schnee-Couloirs ragten noch 16 weitere frisch aufgeblühte Kerzchen empor! Nun konnte uns die Kälte definitiv nichts mehr anhaben. Von Ehrfurcht überwältigt, genossen wir das hochkarätige Highlight. Ja, ein schöneres Geburtstagsgeschenk hätte mir die Natur wahrlich nicht bescheren können! – Da uns aus der Literatur bewusst war, dass das leuchtende Weinrot mit leichtem Blauschimmer erst bei Sonnenlicht richtig zur Geltung kommt, hielten wir uns mit Fotografieren zurück. Wir beschlossen, dieses magische Habitat an einem expliziten Sonnentag nochmals zu besuchen.
Erst unten im Tal realisierten Edith und ich, dass wir in der Euphorie unterlassen hatten, an einem Blütenstand zu schnuppern. Das wollten wir bei der zweiten Begehung unbedingt nachholen.
Zwei Tage später schlug die Stunde der Wahrheit. Die Meteo-Fee hatte Prachtwetter prophezeit, und in der Tat trübte an diesem Morgen kein Wölkchen den tiefblauen Himmel.
Nach schmackhaftem Frühstück fuhren wir zum Parkplatz in Rönäs. Als wir nach knapp anderthalb Stunden in den Gipfelbereich des Rödingsnäsets vorstiessen, zogen zu unserem „Leidwesen“ erneut Wolken auf. Diese erwiesen sich glücklicherweise als nicht mehr so dicht wie vor zwei Tagen; blaue Lücken verliehen uns weiterhin Hoffnung.
Völlig unbeabsichtigt traten Edith und ich diesmal ein paar Meter westlicher in den Südhang ein und trauten unseren Augen nicht: Innerhalb zirka 20 m2 leuchteten rund 40 Nigritella runei wirklich wie rote Ampeln der Sonne entgegen. Uns fehlten die Superlative. Wir glaubten, in einer anderen, überirdischen Welt zu schwelgen, und waren dem Ausflippen nahe.
Blüte Nigritella runei, Foto Roland WüestGanz so einfach in Bestform ablichten liessen sich die „kühlen Schwedinnen“ allerdings nicht; denn nur kurz nach dem Jubelmoment versetzte uns eine grossflächige Kumuluswolke abrupt in die Realität zurück. Es war augenfällig, dass es bis zum nächsten sonnigen Abschnitt eine Zeit lang dauern würde. Geistesgegenwärtig holten wir nach, was wir bei unserer ersten Inspektion versäumt hatten, nämlich an einem Runes Männertreu zu riechen: Mmm, der nachhaltige Vanille-Duft könnte süchtig machen!
Angesichts der Begebenheit entschieden wir uns für eine verfrühte Einnahme des Mittagessens, stets mit unseren Objektiven in Lauerstellung. Obwohl zu jenem Zeitpunkt die ganze Szenerie im Schatten lag, blieb die Temperatur im angenehmen Bereich.
Nach einer geschlagenen Stunde liess sich Petrus erweichen und riss ein Loch in die Wolke. Das heiss ersehnte Sonnenlicht war zurück! Jetzt musste alles speditiv gehen. Im Vorfeld hatten wir die attraktivsten Sujets sondiert: die fotogensten Einzelindividuen sowie zweimal zwei Pflanzen nebeneinander. Die sonnige Phase dauerte effektiv nur ein paar Minuten, aber sie reichten aus für die optimale fotografische Dokumentation des grandiosen Fundes. Freude und Erleichterung waren grenzenlos. Im Schatten begaben wir uns noch einige Schritte weiter westlich, bis das Nigritella-runei-Vorkommen jäh endete. Wir konnten uns diese Gegebenheit nicht erklären; denn der Geländetyp blieb derselbe.
Aber wo befand sich eigentlich die deutlich kleinere Population aus der ersten Besichtigung? – Mein Höhenmesser zeigte 835 m an. Folglich mussten wir in östlicher Richtung ein paar Meter absteigen. Alsbald erkannten wir den Einschnitt des bezeichnenden Schnee-Couloirs wieder, und da standen sie auch schon, unsere roten Lieblinge. Just in diesem Moment blinzelte sogar die Sonne nochmals durchs lockere Gewölk und entlockte uns die letzten Bilder von der wunderhübschen Orchidee.
Somit waren unsere Nigritella-runei-Gelüste endgültig gestillt. Insgesamt zählten Edith und ich sage und schreibe 109 Stück des schützenswerten Endemiten und widerlegten die tiefen Literaturangaben.
Beim Abstieg vermochte der kurze Platzregen im Gebiet der Waldgrenze unserer Feststimmung keinen Abbruch zu tun. Erhobenen Hauptes kehrten wir – wieder bei warmem Sonnenschein, wohlgemerkt – zu unserem Ausgangspunkt am Ruttjebäcken zurück.


Fazit
Blüte Nigritella Runei, Foto Roland WüestDas Rödingsnäset entpuppte sich zweifelsohne als Nonplusultra unserer Skandinavien-Expedition.
Dessen ungeachtet haben Edith und ich die Erhebung als ausgesprochenen Wetterberg kennen und respektieren gelernt. Selbst Vorhersagen für perfekte Bedingungen verheissen keine Garantie. Für Exkursionen in diesem Gelände gehören warme Kleider und Regenschutz unbedingt zur Ausrüstung. Wir freuen uns mächtig, dass unsere Strategie, den Witterungslaunen zu trotzen, vollumfänglich aufgegangen ist.
In den Feuchtzonen bietet sogar das für Extremregionen entwickelte stärkere Antibrumm im Juli keinen vollständigen Schutz vor der Mücken- und Bremsenplage. Ob man in Skandinavien diesbezüglich noch wirksamere Mittel kaufen kann, entzieht sich unserer Kenntnis.
Riesiges Glück beanspruchten wir bei der eigentlichen Aufspürung des Nigritella runei-Biotops; denn auf ein bestimmtes Areal von etwa 250 m x 50 m zwischen 800 und 840 m ü. M. zu treffen ist in einer weitläufigen Fjäll-Landschaft keine Selbstverständlichkeit.
Verglichen mit den Literaturangaben, hat uns die verhältnismässig grosse Anzahl von 109 blühenden Exemplaren regelrecht verblüfft. Zumindest am Rödingsnäset dürfte das Vorkommen dieses wertvollen Västerbotten-Endemiten auch für die fernere Zukunft gesichert sein.
Zum Schluss ein paar Links zu Websites, welche Fotografien von der Nigritella runei enthalten:
http://www.fjallbotaniska.se
http://www.fjellfotografen.se/index/album-77/pos26.html
http://www.elgebrant.se/brudkulla.html
http://www.borealis.nu/album/fjallvaxter/slides/Brudkulla_Gymnadenia_runei.html


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Aktualisiert 13. 01. 2014

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