Ausblenden ausblenden Startseite   Veröffentlichungen   Val d'Uina




Val d'Uina

Autor und Fotos: Joe Meier


von Bären, Melodien und Orchideen
Es ist Jahrzehnte her, als man sich in den Gaststätten von Sur En Mut angetrunken hat, bevor man das Tal der Bären betrat. Der letzte Bär ist längst geschossen. So müsste man heute eigentlich keine Angst mehr haben, wäre da nicht der Braunbär „Lumpaz“ im August 2005, vermutlich übers Val d’Uina, ins Unterengadin zurückgekehrt. Gewarnt sei aller­dings eher vor den Mountainbikern, die lautlos an uns vorbei ins Tal brausen.


Val d'Uina, Foto Joe MeierDie schäumende Uina spielt anregende Musik, die uns während den nächsten 10 Kilometern Aufstieg begleiten wird. Meist im For­tissimo, doch sie kennt alle Nuancen bis ins Pianissimo und er­laubt auch ein paar wenige Pausen. Die Melodie lenkt uns ab, macht uns das Aufsteigen leichter. Schon im 19. Jahrhundert fas­zinierte das wild-romantische Val d’Uina viele Botaniker, Geolo­gen und Schriftsteller, die hier ihre Studien machten oder auch Abenteuer suchten. Selbst der geniale Kunstmaler Paul Meyer­heim aus Berlin, liess sich im Uinatal inspirieren. Die Botaniker und Geologen sind geblieben, doch zu ihnen gesellen sich heute Tausende von Wanderern, die die beeindruckende Schlucht be­gehen wollen.
Kaum hat man die letzten Häuser von Sur En hinter sich, tut sich eine wunderschöne Welt auf. Die Absicht, das aussergewöhnliche Tal zu durchstreifen, lohnt sich. Flora und Fauna sind reich, der geologische Aufschluss - die „Uinawölbung“ - und die Schlucht sind eine Wucht. Sie gilt als eine der gewaltigsten im Alpenraum. Geht man Juni bis August ins Tal, wird man gegen 30 Orchideen­arten begegnen können. Hat man auch ein Auge für andere Blü­ten­pflanzen, wird man reich belohnt. Es zahlt sich aus, die erste Wanderung Mitte Juni zu unternehmen. So führt uns die tragende, manchmal aufwühlende Stimme der Uina oberhalb Sur En bald zu den ersten Orchideen. Die Zweiblättrige Waldhyazinthe zeigt sich als erste am Wegrand oder leuchtet im Unterholz. Geht man auf die Knie, nimmt man gleich einmal den geheimnisvollen, hyazin­thenartigen Duft wahr. Anhand der Merkmale können wir sie gleich beim Namen nennen. Sind wir aufmerksam genug, bemer­ken wir im gleichen Biotop knospige Fuchs-Fingerwurz, Hand­wurz und Rosetten der Braunroten, Breitblättrigen und Lang­gliedrigen Stendelwurz sowie der Moosorchis. Letztere blühen Wochen, gar Monate später. Will man sie alle blühend sehen, kommt man um eine mehrmalige Begehung des Tales nicht herum.
Cypripedium calceolus, Frauenschuhblüten, Foto Joe Meier Cypripedium calceolus, Frauenschuhblüten Nur wenige Meter weiter, an lichteren Plätzen, überraschen uns die ersten gelb-leuchtenden Frauenschuhe, sie wer­den uns noch oft er­freuen. In schattigeren Abschnitten blüht die Ko­rallenwurz; sie ist hier meist begleitet von ver­schiedenen Wintergrün­arten, vom Moosauge bis zum Birngrün. Noch keine Spuren sind vom geheimnisvollen Widerbart zu sehen, der anfangs August in dunkleren Stellen üppig blühen wird.
Es zieht uns weiter hinauf zur ersten Vorschlucht. Der Wildbach stürzt schäu­mend und tosend zu Tal. Man versteht gele­gentlich sein eigenes Wort nicht mehr. Das zarte Moosglöckchen und sel­tene Blattflechten an feuchten Stellen lassen uns anhalten und stau­nen. An steilen Felswän­den blühen nebeneinander der Genfer Günsel und die Spinnweb-Hauswurz. Nicht übersehen kann man den grossen Fingerhut in den nicht begehbaren Runsen. Die vordere Schlucht ist dem­nächst in Sichtnähe. Bald lehnen wir uns an die hölzernen Siche­rungsbalken und wagen einen Blick hinunter in die schäumende, musizierende Uina. Unser Mut wird belohnt. Denn wenige Meter unter uns, in der senkrechten Wand, haben sich Edelweisse an­gesiedelt. Sie haben gute Standorte ausgesucht. Die Mondrauten an der Felskante der Strasse haben kargen Boden gewählt. Er­freulicherweise zeigen sich nach der Schlucht die ersten früh­blü­henden Wohlriechenden Mückenhandwurz. Ihren Namen ha­ben sie von ihren kleinen Blüten und den handförmig geteilten Knollen. Vertreten sind sie in vielen Farbnuancen, von hellrosa- bis purpur­rot. Sie und auch deren Albinos verbreiten einen wun­dersamen Vanilleduft, der uns hilft die Steilheit des Weges ver­gessen zu machen. Trunken von diesem herrlichen Aroma und anregender Diskussion, passiert es leicht, dass wir dort eine schöne Frauen­schuh-Familie im sehr steilen Gelände übersehen. Vor der einzi­gen Stelle, in der die Strasse im Aufstieg im Val d’Uina etwas ab­fällt, entzücken uns Maiglöckchen und Edelweiss in der Vertika­len. Auch sie sind vor Menschenhand sicher. Es fol­gen dutzend­weise Rotbraune Stendelwurz auf beiden Seiten des Weges. Blü­hen werden sie allerdings erst Mitte Juli.
Steigt der Weg nach der Brücke wieder an, entdeckt man rechts eine sprudelnde Quelle, die zum Kneipen geradezu einlädt. Mit geläutertem Körper und Geist fällt es uns leichter, im dort steilen, bewaldeten Bord, das Herzblatt auszumachen. Vor Jahren hätte man hier noch dutzendweise Frauenschuh Pflanzen bewundern können. Doch plötzlich waren sie alle weg, geplündert. Es ist an­zunehmen, dass sie in Blumentöpfen elendiglich zugrunde gin­gen.
Listera cordata, Herzblatt (Kleines Zweiblatt), Foto Joe Meier Listera cordata,
Herzblatt (Kleines Zweiblatt)
Piz S‑chalambert immerzu erodiertes Geröll ins Tal schickt. Die rollen­den Steine sind nicht zu überhören. So muss die Strasse, auf der wir aufwärts ziehen, jährlich verlegt oder repariert werden. Die Sicht in die offengelegte Uina ist überwältigend, so auch die Musik des Baches. Mit etwas Glück entdecken wir ein schwirren­des Taubenschwänzchen. Und schon bald führt uns der Weg wieder in den Wald. Von weitem grüssen uns die Frauenschuhe. Etwas genauer muss man hinsehen, um das Herzblatt wahr­zunehmen.

Moneses uniflora, Moosauge, Foto Joe Meier Moneses uniflora, Moosauge Doch mit etwas Übung gelingt es in Kürze, sie zwi­schen den Moosaugen oder den gelben Berg­veilchen auszumachen. Es ist nicht einmal nötig den Weg zu verlassen und den empfindlichen, moosbedeckten Wald­boden zu betreten. Die kleinen Schätze, die Winzlinge unter den Or­chideen begrüssen uns am Wegrand, ja, sie ste­hen in Reih und Glied; sie tragen braunrote und grüne Blüten.
Haben wir die Gegend um den Hof Uina Da­dora erreicht, können wir uns an der Vielfalt der Land­schaft, Flora und Fauna kaum sattsehen. Die Uina schlängelt sich sanft durch eine weite Ebene. Der Wald zur Rechten ist ein Eldorado für Botaniker, Blumenfreunde und Vogelkundler. Eingebettet in dichte Moosdecken findet man da so manche botanische Kostbarkeit. Nicht nur die seltsamste Orchi­dee, den Widerbart, nein auch seltene Blatt- und Strauch­flechten überraschen in Farbe und Vielfalt. Man könnte weinen vor Freude über soviel Schönes. Nur mit grossem Respekt, Ein­fühlungs­vermögen und Wissen um die Verletzlichkeit eines sol­ches Bio­tops, sollte man es, wenn nötig, behutsam betreten. Glücklicher­weise ist man gar nicht gezwungen, die Trampelpfade zu verlas­sen. Mit offenen Augen, ist es hier oben ein Leichtes, den Frau­enschuh, das Herzblatt, die Vogel-Nestwurz, die Hös­wurz, die Grüne Hohlzunge und Korallenwurz innerhalb weniger Meter zu bestaunen, ohne auch nur ein bisschen Landschaden anzurich­ten. Die Rosetten der im August blühenden Moosorchis sind nicht zu übersehen. Der Gesang der Vögel setzt perfekte Ak­zente.
Epipogium aphyllum, Widerbart, Foto Joe Meier Epipogium aphyllum, Widerbart Sind wir im August bis Mitte September im Tal, so ist die Begegnung mit der wohl selt­samsten Orchi­dee, dem Wider­bart, der absolute Höhe­punkt. Wer immer dieser zauberhaften Art begeg­net, wird von ih­rer Schönheit be­rührt. Seine ungewöhnlichen Blüten faszinieren jeden Be­trachter. Die Lippe ist nach oben gerichtet, der Frucht­knoten hat sich so­mit, als eine der weni­gen Ausnahmen bei den Or­chideen, nicht gedreht. Hin und wieder erhalten sie Besuch von Fliegen oder Ameisen, vielleicht Hum­meln, doch die Widerbarte im Val d’Uina werden kaum be­stäubt. Fehlt in diesem Tal etwa der Bestäuber? Nur 5 Kilometer westlich, in der Clemgia-Schlucht, trägt praktisch jede Pflanze Fruchtkapseln.
Zerbrechlich wie Wachs, durchscheinend sein Stängel, so steht er im tiefen, mit feuchter Luft gesättigten Nadelwald. Er sieht kaum einen Sonnenstrahl. Auf forstliche Eingriffe, Veränderungen in seinem Lebensraum, Trockenheit reagiert er heftig. Wird der Wald ausgelichtet, verschwindet er, um vielleicht erst Jahrzehnte später wieder aufzutauchen, wenn die Lichtverhältnisse, das Substrat und das bodennahe Klima für ihn wieder stimmen. Bleibt sein Biotop erhalten und gibt es im Frühling und Vorsommer reichlich Niederschlag, blüht er hier, seine Standorte wechselnd, recht re­gelmässig. Und sind wir hellwach ent­decken wir, dass er nebst der Normalvariante auch goldgelb bis schneeweiss blühen kann.
Tritt man auf dem Holzrückeweg in den lichteren Wald, Richtung Val Curtinatsch, leuchten uns viele Weissliche Höswurz entge­gen. Auf dem Rasen am Waldrand wartet die Honigorchis in gros­sen Scharen auf uns. Meist nimmt man sie wahr, bevor man sie sieht. Denn sie strömt einen würzigen Honigduft aus. Mancherorts nennt man sie auch Einorchis oder Elfenstendel. Daneben sind wir erstaunt, wie viele Korallenwurz auch am Waldrand, an untypi­schen Standort in der prallen Sonne prächtig gedeihen. Bleiben wir in der Runse, die parallel zum einsamen Hof Uina Da­dora verläuft, treffen wir auf zahlreiche Fichtenspargel-Kolonien. Bei flüchtigem Hinsehen, können sie uns narren, weil sie auf Dis­tanz Ähnlichkeit mit der Vogelnestwurz haben. Die Fuchs- und Fleischfarbigen Fingerwurz können wir im Wald, in Lichtungen und im freien Feld in allen Farben bestaunen. Den Wiesenrändern entlang ist es möglich, dass uns eine Fliegenragwurz grüsst, auch das Angebrannte Knabenkraut ist mit dabei. Und damit wir die nach Schokolade und Vanille riechenden Männertreu bestaunen können, ist es nicht einmal nötig, die Heuwiese zu betreten. Des Botanikers Herz zerspringt fast vor Freude beim Blick in die herr­liche, artenreiche Blumenwiese der Alp. Und ist man nicht nur auf Orchideensuche, findet der Kenner in der Gegend mindestens siebzehn Enzianarten. Aus Verbuschungen winkt uns der Schwal­benwurzenzian. Im schönsten Blau leuchtet der Gefranste Enzian im kurzen Trockenrasen. Sein Nachbar, der Engadiner­enzian, wird dabei fast übersehen. So bleibt uns noch vieles zu entdecken. Und dies auch im wenig begangenen Seitental Curti­natsch - etwas für botanische Feinschmecker - soviel sei verraten.
Kaum zu glauben, dass in Uina Dadora und Dadaint um 1800 herum noch 20 Familien ganzjährig gelebt haben. Auf unserer Wanderung nach Uina Dadaint zeugt ein Mühlstein am Strassen­rand aus jener Zeit von viel Leben, aber auch Drangsal im Tal. Gedanken gehen uns durch den Kopf: wo haben diese Leute nur den Roggen angebaut in diesen steilen Hängen? Die bereits be­schriebenen Orchideen begleiten uns in der nächsten Stunde auf Schritt und Tritt. Vielleicht entdecken wir in einem der vielen Feuchtbiotope die Blutrote Fingerwurz. Sie ist im Tal eine Rarität geworden und an den meisten Standorten völlig verschwunden. Die Gründe dafür kennen wir nicht. Viel eher finden wir noch die Fuchs-, Fleischrote und Breitblättrige Fingerwurz in Feuchtgebie­ten. Auf über 1730 m.ü.M. passieren wir den höchstgelegenen Widerbart-Standort des Tales. Am Wegrand im Wald sehen wir die Grüne Hohlzunge, die diesen Namen auch verdient - vom Stängel bis zu den Blüten in tief-dunklem Grün. Das Herzblatt er­freut uns kurz vor dem Hof Uina Dadaint ein letztes Mal. Kaum aus dem Wald, führt uns der Weg durch eine Blumenwiese der Superlative auf die Alp.
Sind wir auf dem Alphof Uina Dadaint angekommen, zeigt sich uns Richtung Süden die gewaltige Gesteinsformation der Uina-Aufwölbung. In Jahrmillionen ist diese imposante geologische Gesteinsformation entstanden. Um 1910 herum sprengte ein deutscher Alpenclub einen Fussweg durch die imposante Schlucht. Bis zu dreihundert Metern über der tosenden Uina ver­läuft der teilweise gesicherte Felsenpfad. Würden wir auf diesem weiterziehen, so kämen wir nach etwa drei Stunden, vorbei an der Sesvennahütte, nach Schlinig/Slingia, Italien. Stattdessen legen wir auf der Alp Dadaint eine Pause ein. Die Älplerfamilie bewirtet uns mit Getränken, frischer Milch, Käse oder Fleisch inmitten ei­ner herrlichen, überwältigenden Bergwelt. Die Ruhe dort ist er­greifend, die Uina rauscht im Pianissimo. Äsende Steinböcke und Gämsen am gegenüberliegenden Hang tragen zum unvergessli­chen Ausflug in dieses Tal bei.

Weitere Blumen-Impressionen

Galeopsis speciosa, Foto Joe Meier Galeopsis speciosa, Bunter Hohlzahn Sempervivum arachnoideum, Foto Joe Meier Sempervivum arachnoideum, Spinnwebhauswurz Corallorhiza trifida, Korallenwurz, Foto Joe Meier Corallorhiza trifida, Korallenwurz Corallorhiza trifida, Korallenwurz, Foto Joe Meier Corallorhiza trifida, Korallenwurz mit doppelter Blüte Corallorhiza trifida, Korallenwurz, Foto Joe Meier Corallorhiza trifida, Korallenwurz Cypripedium calceolus, Frauenschuh, Foto Joe Meier Cypripedium calceolus, Frauenschuh Cypripedium calceolus, Frauenschuh, Foto Joe Meier Cypripedium calceolus, Frauenschuh Epipactis atrorubens, Braunrote Ständelwurz, Foto Joe Meier Epipactis atrorubens,
Braunrote Stendelwurz
Pinguicula vulgaris, Gemeines Fettblatt, Foto Joe Meier Pinguicula vulgaris, Gemeines Fettblatt Dactylorhiza fuchsii, Fuchs-Knabenkraut, Foto Joe Meier Dactylorhiza fuchsii, Fuchs-Knabenkraut

Zurück zu Einzelberichte

Zurück zur Startseite

Seitenanfang



Impressum & Datenschutz | Kontakt | Mail Webmaster | AGEO © 2018

Aktualisiert 14. 07. 2011

AGEO Logo www.ageo.ch Der Ausdruck der umfangreichen Bildern ist deaktiviert.