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Die Barlia metlesicsiana Teschner auf Teneriffa (Metlesics’ Mastorchis)

Autor und Fotos: Josef Stierli


Dieser Artikel wurde in gekürzter Form ohne Bilder im Journal Europäischer Orchideen 2004 veröffentlicht (siehe Literaturangabe 7) und enthält weitere neuere Erkenntnisse zusätzlicher Reisen.

Barlia metlesicsiana, Fruchtansatz, Foto Sepp Stierli Barlia metlesicsiana, Fruchtansatz Barlia metlesicsiana, seltene weisse Form, Foto Sepp Stierli Barlia metlesicsiana, seltene weisse Form

1. Einleitung

Die Insel Teneriffa gehört zu den Kanarischen Inseln. Sie liegt im Atlantik auf der geografischen Höhe von Südmarokko bei einer westlichen Breite 13º30´ bis 18º30´ und nördliche Länge 27º30´ bis 29º30´. Mit den Inseln, die im Süden und Norden der Kanaren liegen (den Kapverden, Madeira und Azoren), bilden sie zu­sam­men mit Teilen des Festlandes von Nordwestafrika die Insel­gruppe Makaronesien, die sehr viele floristische Gemeinsam­keiten aufweisen. Die Kanaren gehören geografisch zu Afrika je­doch politisch zu Spanien und damit zur Europäischen Union.
Die Kanaren wurden spät, etwa vor 3000 Jahren, besiedelt. Dies wohl auf Grund der immer wieder auftretenden vulkanischen Tä­tigkeiten. Bis heute ist der Vulkanismus auf Teneriffa nicht erlo­schen. Über die Herkunft dieser Siedler, auf Teneriffa waren es die Guanchen, sind sich die Fachleute bis heute nicht einig. Offenbar haben die Guanchen bereits Haustiere und Pflanzen auf die Insel mitgebracht. Mit der Eroberung der Kanaren durch die Spanier in der Mitte des 15. Jahrhunderts erlosch die Kultur der Guanchen. Heute findet man lediglich noch Spuren von ihnen in einigen Museen. Geblieben sind dagegen ihre Wohnhöhlen in der Landschaft Teneriffas.
Blütenstand mit Samenstand Vorjahr, Foto Sepp Stierli Barlia metlesicsiana, Blütenstand mit Samenstand Vorjahr Die Gattung Barlia (Perl.) besteht aus den beiden Arten Barlia robertiana (Loisel.) Greuter, welche im ganzen Mittelmeerraum verbreitet ist und Barlia metlesicsiana Teschner, welche ende­misch im Südwesten von Teneriffa vorkommt. Barlia metlesicsiana wurde früher der Barlia robertiana zugeordnet. Sie wurde bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf Teneriffa durch den französischen Botaniker Eugène Bourgeau gefunden. Offenbar ging sie dann vergessen. Im Jahre 1979 fand H. Metlesics die Art wieder im südlichen Gemeindegebiet von Santiago del Teide. Auf Grund des Wiederentdeckers nennt man sie heute Barlia metle­sicsiana (Metlesics’ Mastorchis).
Erst W. Teschner beschrieb die Barlia metlesicsiana 1982 als selbständige Art. In der Gesamterscheinung der beiden Barlia-Arten ist dies bereits augenfällig wie die folgenden wesentlichen Unterschiede zeigen:

Barlia robertiana  Barlia metlesicsiana 
- Laubblätter sind am Grunde rosettig gehäuft    - Laubblätter verteilen sich gleichmässig am Stängel
- Blütenstand wenig dicht angeordnet  - Blütenstand dicht angeordnet 
- Blüten sind rot-grün  - Blüten sind rot, selten weiss 
- Lippe ist lang  - Lippe ist kurz
- Duft leicht süsslich - Duft leicht süss und herb
- Pflanzengrösse 25 - 80 cm - Pflanzengrösse 40 - 80 (110 cm)

Die Barlia metlesicsiana wurde in der Fachliteratur bis Ende des letzten Jahrhunderts als vom Aussterben bedroht beschrieben. Mein Versuch 2001 die Barlia metlesicsiana zu finden, ergab zwei nicht blühende Pflanzen. Darum unternahm ich, teilweise mit Freunden, ab 2002 bis 2011 weitere acht Exkursionen. Meine Forschungs- und Sucharbeiten zeigen jedoch, dass die Barlia metlesicsiana mit ihrem Vorkommen von über 4000 Exemplaren nicht vom Aussterben bedroht ist.

2. Verbreitung und Begleitpflanzen

a) Verbreitung

Valle de Arriba, Santiago del Teide, Foto Sepp Stierli Valle de Arriba, Santiago del Teide Los Hoyos, Guia de Isora, Foto Sepp Stierli Los Hoyos, Guia de Isora

Die Verbreitungsgebiete der Barlia metlesicsiana sind, wie oben bereits erwähnt, auf den Südwesten der Insel Teneriffa be­schränkt. Insbe­sondere in den Gemeinden von Santiago del Teide bis Guia de Isora ist sie zu finden. Sie kommt in Höhenlagen von 800 m bis knapp 1400 m in der Block­lava-Zone vor.
Das Vorkommen der Barlia metlesicsiana ist möglicherweise durch Vulkanaus­brü­che in 3 grössere oder klei­nere Gebiete aufge­teilt worden.
Zwei Populationen befinden sich in der Gemeinde Santiago del Teide. Die grössere erstreckt sich vom Valle de Arriba bis über Santiago Dorf (Holotypus) nach El Moledo und Las Manchas in Höhen von 800 m bis 1100 m.

Die zweite, sehr kleine Population befindet sich in der Nähe des Dorfes Arguayo in einer Höhenlage von 1000 m.
Die grösste Po­pulation befindet sich auf dem Gemeindegebiet von Guia de Isora. Und zwar oberhalb den Dorfteilen Chio, Chirgue­gue und Chirche in Hö­henlagen von 800 m bis knapp 1400 m.
Im Januar 2011 durchsuchte ich abschliessend die östlichen gele­genen Gebiete von Guia de Isora bis Adeje, wobei keine neuen Standorte der Barlien gefunden wurden. Auch das einstige Vor­kommen der Art vom Jahre 1847 des französischen Botanikers Eugène Bourgeau im Barranco del Agua bei Adeje konnte ich nicht bestätigen.

Interessierte können die genauen Details der Verbreitung beim Autor dieses Textes erfragen ( Kontakt Josef Stierli ).

b) Begleitpflanzen

Die Barlia metlesicsiana findet man besonders unter alten Man­del- und Feigenbäumen sowie in der Nähe einstiger Kulturen der Guanchen, wie Steinmauern, Terrassierungen und Dreschplätzen für Gerste. Auch findet man sie immer mehr im vordringenden Kanaren-Kiefernwald sowie auf altem Lavagestein. Immer jedoch an Stellen, wo etwas Feuchtigkeit vorhanden ist und/oder der übergreifende feuchte Nebel der Passatwolken der Nordseite Te­neriffas sie erreichen kann.
Als hauptsächliche Begleitpflanzen wurden beobachtet:
Mandelbaum (Prunus dulcis), Feigenbaum (Ficus carica), Wein­rebe (Vitis vinifera), Feigenkaktus (Opuntia ficus-indica), Kanaren-Ampfer (Rumex lunaria), Kanaren-Hahnenfuss (Ranunculus cor­tusifolius), Kleinfrüchtiger Affodill (Aspodelus aestivus), Cañadas-Bergminze, (Satureja lachnophylla), Stadt-Aenioum (Aenioum pseudeurbanicum), Rotschäftiger  Blaustern (Scilla haemorrhoida­lis), Marantas Pelzfarn (Cheilanthes marantae), Berg-Erdrauch (Fumaria montana) und Zweifarbiger Schötterich (Erysimum sco­parium).

3. Blütezeit

Die Blütezeit erstreckt sich je nach Jahresbedingungen, Höhen­lagen und Beschattung von Anfangs Dezember bis Mitte Februar.

4. Blühfähigkeit, Bestäuber und Vermehrung

a) Blühfähigkeit
Die Blühfähigkeit der Barlia metlesicsiana ist abhängig von vielen Faktoren. Einerseits wird die fehlende Feuchtigkeit vermutet, an­dererseits aber kann es auch eine Eigenart der Art  sein, wie wir dies in unseren Breitengraden von der Bocksriemenzunge (Himantoglossum hircinum) kennen, mit welcher die Barlia eng verwandt ist. Einzelne Pflanzen können Jahre mit der Blüte aus­setzen (siehe folgende Statistik).
Blühfähigkeit Barlia metlesicsiana (W. Teschner) / Stand 27.01.2011

Monat/Jahr Gemein­de Pflan­zen Pfl 1 Pfl 2 Pfl 3 Pfl 4 Pfl 5 Pfl 6 Pfl 7 Pfl 8 Pfl 9
01­/2002
Santiago del Teide 6 nb nb nb nb nb nb      
01­/2003
Santiago del Teide 6 b nb b nb nb b      
  Guia de Isora 2 b b              
01­/2004
Santiago del Teide 6 b b b nb nb nb      
  Guia de Isora 2 b nb              
01­/2005
Santiago del Teide 7 nb nb nb b nb nb nb    
  Guia de Isora 2 nb nb              
01­/2006
Santiago del Teide 7 b nb b b nb nb nb    
  Guia de Isora 3 b b nb            
12­/2006
Santiago del Teide 7 b nb b b nb nb nb    
  Guia de Isora 3 nb nb nb            
02­/2009
Santiago del Teide 7 nb nb nb nb nb nb nb    
  Guia de Isora 3 nb nb nb            
01­/2011
Santiago del Teide 9 nb b nb nb b nb nb nb nb
  Guia de Isora 3 b b nb            

b = blühend; nb = nicht blühend

b) Bestäuber

Am Anfang der Beobach­tungen bei der Barlia met­lesicsiana galt die Königin der Kanaren-Hummel (Bombus canariensis, Ab­bildung links) als das ein­zige Bestäubungs-Insekt. Ich habe oftmals be­o­bachtet, dass diese Hum­mel-Königinnen mit Be­stäubungsmaterial von oder zu den Pflanzen flo­gen. Meine jahrelangen Beobachtungen haben je­doch gezeigt, dass diese Hummel-Königinnen nicht gezielt, sondern nur gele­gentlich die Barlien anflie­gen. Sie besuchen ebenso andere Pflanzen, die zurzeit der Barlien blühen, wie z.B. Kanaren-Weide, Kanaren-Ampfer, Kanaren-Hahnenfuss, Zwei­farbiger Schötterich, Kanarenkiefernwald-Hornklee, Grünlicher Natterkopf u.a.m.
Zusätzlich wurde auch die Honig- und eine unbekannte Sand­biene (Abbil­dung links – Andre­na - Art) in den Bar­lienblüten gesehen. Allerdings stellte ich äusserst selten fest, dass diese beiden In­sekten Bestäu­bungs­material in die Blüten ein- oder wegtrugen.

c) Vermehrung

Barlia metlesicsiana, Gesamtpflanze, Foto Sepp Stierli Barlia metlesicsiana, Gesamtpflanze Es ist unbekannt, ob die Barlia metlesicsiana eine Urform von Te­neriffa ist oder ob sie durch die Siedler (Urvölker) aus ihrer Heimat mitgebracht wurde.
Weil sie jedoch nur in einem relativ kleinen Areal der Insel vor­kommt, ist die zweite Vermutung wahrscheinlicher.
>Durch das stellenweise grosse Auftreten der Barlien an demsel­ben Standort wurde vorerst angenommen, dass sie sich durch Knollenteilung vermehren könnte. Für einen Bericht an das Medio Ambiente in La Laguna auf Teneriffa grub ich eine nichtblühende Pflanze aus. Die unterirdischen Knollen (Bild Seite 24) zeigen den braunen alten Knollenteil von der diesjährigen Pflanze und den neuen Knollenteil für das kommende Jahr. An diesem neuen Knollenteil sieht man le­diglich einen Austrieb, somit kann man an­nehmen, dass kaum eine Knollenteilung stattfindet.
Eine Erklärung jedoch für das stellenweise grosse Vorkommen an Barlien an demselben Standort ist nach meinen Beobachtungen folgendes: Fällt die Öffnung der Samenkapseln mit plötzlich stark auftretenden Regengüssen zusammen, wird der Samen aus den Kapseln gewaschen und bleibt bei der Mutterpflanze liegen. Dann findet kein Samenflug statt und die Samen entwickeln sich bei der Mutterpflanze.
Es ist bis heute nicht bekannt, ob der Samen der Barlia metlesici­ana zur Keimung einen Pilz benötigt. Abklärungen gingen bisher nur dahin, inwieweit die beiden grossen Populationen von Santi­ago del Teide und Guia de Isora verwandt sind. Dagegen ist ge­sichert, dass die ausgewachsenen Pflanzen für das Wachstum keinen Pilz benötigen. Die für den Bericht ausgegrabene Pflanze wuchs und blühte nach der Verpflanzung am neuen Standort weiter.

Drei Faktoren weisen auf eine sehr langsame Vermehrung hin:
1. Ungenügende Feuchtigkeit
2. Schlechte Blühfähigkeit
3. Fehlende oder ungenügende Bestäuber

Dazu kommt das von Lavaströmen verwüstete, karge und teil­weise sehr schwer zugängliche Vegetationsgebiet. Nicht von un­gefähr ist deshalb diese Orchidee nicht gut auffindbar und galt vor meiner Forschungsarbeit mit den wenigen bekannten Fundorten bis Ende des letzten Jahrhunderts als vom Aussterben bedroht.

5. Naturschutz und Gefährdung

a) Naturschutz

Alle sieben Orchideenarten auf Teneriffa stehen unter staatlichem Schutz: Barlia metlesicsiana, Gennaria diphylla, Habenaria tri­dactylites, Neotinea maculata, Ophrys bombyliflora, Orchis cana­riensis und Serapias parviflora.
Allerdings wurde die Ophrys bombyliflora auf Teneriffa seit vielen Jahrzehnten nicht mehr gefunden.

b) Gefährdung

Obwohl die Barlia metlesicsiana unter Naturschutz gestellt wurde, werden Pflanzen abgeschnitten oder gar ausgegraben. Dies ins­besondere den Wander- und Flurwegen entlang.
Eine grosse Bedrohung der Art stellt der Autobahnring (Anillo in­sular) im Gemeindegebiet von Santiago del Teide dar. Die Insel­regierung hat auf Grund gewisser Aspekte, auch auf das Vor­kommen der Barlien Rücksicht genommen und die Linienführung geändert. Trotzdem fallen einige Pflanzen diesem Vorhaben zum Opfer.

6. Überlegungen

Wie erwähnt kommt die Barlia metlesicsiana ausschliesslich im Südwesten von Teneriffa vor. So sind folgende Fragen offen:
- Ist die Barlia metlesicsiana tatsächlich eine Urform von Tene­riffa?
- Ist sie von einem Urvölkerstamm aus ihrer Heimat zufällig oder bewusst hierher gebracht worden als Zier- oder Kultus-Pflanze?
- Ist sie in der damaligen Heimat der Siedler vielleicht infolge grosser Klimaschwankungen ausgestorben, hat aber in Teneriffa mit ihrem ausgewogenen Klima überlebt?
Die Barlia metlesicsiana stellt jedoch für die Insel Teneriffa eine einzigartige Bereicherung für die Orchideenflora sowie für die Biodiversität dar.

7. Dank

Grossen Dank möchte ich aussprechen an meine Freunde von der AGEO, O. Siegrist, H. und E. Kohler, H. und G. Mischler und W. Schaufelberger für die Hilfeleistungen nach der Suche der Barlia metlesicsiana. Besonderen Dank an meine Frau Elisabeth und meine deutschen Freunde J. und I. Vetter, die mir vielfach in sehr schwierigem Gelände Unterstützung leisteten. Auch danke ich Dr. Helmut Baumann, Böblingen für die alte Literaturangabe über das Erst-Vorkommen von 1847 der Barlia des französischen Forschers Eugène Bourgeau. 

8. Literatur

[1] Kretschmar, H.G. Kretschmar; K. Kreutz (1993): Beitrag zur Orchideenflora von Teneriffa. – Ber. Arbeitskreis Heim. Orchideen 10(1):26-44, 145.
[2] Kropf M, Sommerkamp E, Bernhardt K.-G. (2005): Popula­tion structure of Barlia metlesicsiana W. Teschner on Tenerife (Canary Islands).   18th World Orchid Conference, Dijon, France
[3] León-Arencibia, M.C., Garcia Gallo, A. Wildpret de la Torre & I. la Serna Ramos (1992): Sobre el comportamiento ecológico y fitoso­ciológico de Barlia metlesicsiana Teschner (Orchidaceae), Raro endemismo  Tinerfeño Bot. Soc. Brot. Ser. 2, 65: 35-41.
[4] Rückbrodt, U.&D. Rückbrodt (1988): Zur Kenntnis und Ver­meh­rung von Barlia metlesicsiana Teschner.- Mitt. Bl. Arbeitskr. Heim. Orchideen Baden-Württ. 20(3): 695-699.
[5] Rysy, S. (1992): Die Orchideenflora von Teneriffa. – Ber. Ar­beitskrs. Heim. Orchideen 9(2): 87-96.
[6] Schönfelder P. & I. Schönfelder (2005): Die Kosmos-Kana­ren­flora. – Franckh-Kosmos Verlag-GmbH & Co,. Stuttgart.
[7] Stierli-Schneider J. (2004): Beitrag zur Barlia metlesicsiana Teschner auf Teneriffa. Jour. Eur. Orch. 36(3): 735-744.
[8] Teschner, W. (1982): Barlia metlesicsiana spec. Nov. – ein Ende­mit der Kanareninsel Tenerife. – Die Orchidee 33: 116-119.
[9] Teschner, W. (1983): Eine endemische Barlia auf Tenerife.- Jber. naturw. Verl. Wuppertal 36: 33-36.

 

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Aktualisiert 14. 07. 2011

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