Die Gattung Cephalanthera in der Schweiz
Ruedi Peter
Glossar: Erläuterung der Fachbegriffe
Die Gattung Cephalanthera kommt in gemässigten Breiten vor, v. a. in Europa, Nordafrika und in Asien, teilweise auch in Nordamerika. Sie gehört zu den ursprünglichsten Orchideengattungen. Sie ist näher verwandt mit Epipactis, Neottia, Limodorum usw. Bei uns gibt es 3 Arten: Cephalanthera damasonium (Bleiches Waldvögelein), Cephalanthera longifolia (Schwertblättriges Waldvögelein) und Cephalathera rubra (Rotes Waldvögelein).
Bestimmungsschlüssel
| 1. | Blüten rot | Cephalanthera rubra |
| Blüten weiss oder elfenbeinfarbig | 2 | |
| 2. | Brakteen der oberen Blüten lang, fast so lang wie der Fruchtkoten | Cephalanthera damasonium |
| Brakteen der oberen Blüten kurz | Cephalanthera longifolia |
Cephalanthera damasonium (MILLER) DRUCE
| Stängel | aus einem tief unterirdisch wachsenden Rhizom treiben im Frühjahr mehrere 30 - 50 cm hohe Triebe, diese sind ziemlich kräftig und kahl |
| Blätter | bis in den Blütenstand beblättert, 4 - 10 cm lang und 1,8 - 3,5 cm breit, länglich-oval bis lanzettlich |
| Blütenstand | locker, mit ziemlich grossen Blüten, mit bis zu 20 Blüten |
| Blüten | Fruchtknoten nach oben gerichtet, liegen dem Stängel an, mittelgross, elfenbeinfarbig, fast geschlossen |
| Blütenblätter | Sepalen bis 20 mm lang, eiförmig-lanzettlich, stumpf; Petalen wie die Sepalen, aber kürzer |
| Lippe | zweigliedrig, Hinterlippe (Hypochil) mit abgerundeten Seitenlappen, am Grund mit einem gelben Fleck; Vorderlippe (Epichil) herzförmig, mit schwach hochgebogenen Rändern, weisslich mit 3 - 5 orangegelben Längsleisten |
| Sporn | fehlt |
| Blütezeit | Mai bis Mitte Juni, in höheren Lagen bis Ende Juni |
| Verbreitung | Europa und Vorderasien, im Südosten bis in den Kaukasus und nach Nordpersien, im Osten bis nach Polen und Südrussland, in den gemässigten und submediterranen Zonen |
| Schweiz | Jura, seltener im Mittelland, in den Alpen und im Tessin |
| Lebensraum | kalkhaltige Böden, v. a. in Buchen- und Laubmischwäldern, an Waldrändern und Hecken, aber auch in Föhrenwäldern, auf mässig trockenen bis frischen Böden, liebt schattigere Standorte; vom Tiefland bis 1600 m NN |
| Gefährdung | eine besondere Gefährdung besteht nicht, da entsprechende Biotope zahlreich vorhanden sind, sie geht aber an vielen Orten durch Waldrodung zurück, an Wegrändern und Böschungen durch zu frühes Mähen gefährdet |
| Bemerkungen | vermutlich durch eine starke Bindung an Bodenpilze ist es dieser Art möglich, auch als chlorotisches, d. h. blattgrünfreies Exemplar zu existieren |
Cephalanthera longifolia (L.) FRITSCH
| Stängel | 15 - 60 cm hoch, ziemlich kräftig, kahl, dicht beblättert |
| Blätter | 4 - 12 Laubblätter, bis 18 cm lang und 4 cm breit, lineal- lanzettlich, mit deutlichen Nerven, rinnig gefaltet, abstehend bis überhängend |
| Blütenstand | locker, mit ziemlich grossen Blüten, mit bis zu 20 (35) Blüten |
| Blüten | schräg nach oben gerichtet, mittelgross, weiss, halb geöffnet |
| Blütenblätter | Sepalen bis 20 mm lang, 4 - 6 mm breit, lanzettlich, spitz; Petalen oval bis schmal lanzettlich, kürzer als die Sepalen |
| Lippe | zweigliedrig, Hinterlippe (Hypochil) mit aufgerichteten Seitenlappen, am Grund mit einem goldgelben Fleck; Vorderlippe (Epichil) herzförmig, weiss mit 4 - 7 orangegelben Längsleisten und gelber Spitze |
| Sporn | fehlt |
| Blütezeit | Mitte April bis Anfang Juni, in höheren Lagen bis Ende Juni |
| Verbreitung | Europa, Nordafrika und Vorderasien, von der meridionalen zur temperaten Zone, im Norden bis Nordgrossbritannien und Südskandinavien, im Osten bis Westpolen, Südrussland und weiter bis in den Westhimalaja, im Südosten bis in den Kaukasus und nach Persien |
| Schweiz | Jura, Churer Rheintal, Wallis, seltener im Mittelland, in den Alpen und im Tessin |
| Lebensraum | meist auf Kalkböden, seltener auf Urgestein, Föhrenwälder, lichte Eichen-, Buchen-, Kastanien- oder Laubmischwälder, entlang von Waldrändern und Hecken, Magerwiesen, buschige Berghänge; vom Tiefland bis 1600 m NN |
| Gefährdung | im Jura, im Tessin und in den Alpentälern verbreitet, sonst selten, durch mechanisierte Forstwirtschaft gefährdet |
| Hybriden | mit Cephalanthera rubra |
Cephalanthera rubra (L.) L.C.M. RICHARD
| Stängel | 20 - 65 cm hoch, unten kahl, oben drüsig behaart, unten mit mehreren Schuppenblättern, schwach hin und her gebogen |
| Blätter | 4 - 12 Laubblätter, bis 18 cm lang und 4 cm breit, lineal- lanzettlich, mit deutlichen Nerven, rinnig gefaltet, abstehend bis überhängend |
| Blütenstand | darüber bis etwa zur halben Pflanzenhöhe 3 - 6 Laubblätter, diese lanzettlich, 5 - 10 cm lang, 1 - 3 cm breit, vom Stängel abstehend |
| Brakteen | untere viel länger, die oberen knapp so lang wie der Fruchtknoten |
| Blüten | rosa oder hell bis kräftig rotlila gefärbt, ziemlich weit geöffnet, leicht aufwärts gerichtet |
| Blütenblätter | Sepalen eiförmig-lanzettlich, bis 25 mm lang, aussen behaart, Petalen wenig kleiner, bis 20 mm lang, aussen kahl, über die Säule geneigt, Spitze aufgebogen |
| Lippe | 17 - 25 mm lang, Hinterlippe (Hypochil) mit aufgerichteten und schief dreieckigen Seitenlappen, diese gegen die Säule geneigt, weisslich, Vorderlippe (Epichil) eiförmig-lanzettlich, bis 15 mm lang, weisslich mit bis zu 10 (15) gelbbraunen Längsleisten, Spitze abwärts gerichtet |
| Sporn | fehlt |
| Blütezeit | Mitte Mai bis Anfang August |
| Verbreitung | Europa, Nordafrika und Vorderasien, im temperaten bis meridionalen Bereich, fehlt im atlantischen Gebiet fast vollständig, im Norden bis Südskandinavien, im Osten bis Mittelrussland, im Südosten bis in den Kaukasus und nach Nordpersien |
| Schweiz | Jura, Churer Rheintal, Wallis, seltener im Mittelland, in den Alpen und im Tessin |
| Lebensraum | trockene kalkhaltige Böden, sonnige und warme Lagen, lichte Föhren-, Eichen- und Laubmischwälder, Waldwiesen, Waldränder und Hecken, Böschungen von Waldstrassen, selten auf Magerwiesen; vom Tiefland bis 1900 m NN |
| Gefährdung | zerstreut, stellenweise gehäuft auftretend; an Wegrändern durch zu frühes Mähen gefährdet, ebenso durch Verbuschung und Abpflücken |
| Hybriden | mit Cephalanthera longifolia |
Weiterführende Informationen
Literatur
BAUMANN, H., S. KÜNKELE (1988): Die Orchideen Europas. Stuttgart.
BUTTLER, K. P. (1986): Orchideen. München.
DELFORGE, P. (2001): Guide des orchidées d'Europe, d'Afrique du Nord et du Proche-Orient. 2. Auflage. Lausanne.
REINHARD, H. R., P. GÖLZ, R. PETER, H. WILDERMUTH (1991): Die Orchideen der Schweiz und angrenzender Gebiete. Egg (Schweiz).
SCHMID, W. (1998): Orchideenkartierung in der Schweiz. - Journal Europäischer Orchideen 30(4): 689-858.
SUNDERMANN, H. (1980): Europäische und mediterrane Orchideen. Hildesheim.
Internet
www.orchideen-kartierung.de/germany
www.orchis.de/orchis/frames/fframe21.php3
www.orchid-rhoen.de
Ruedi Peter
Solothurnerstr. 70
4600 Olten
ruedi.peter4@bluewin.ch
www.ageo.ch Der Ausdruck der umfangreichen Bildern ist deaktiviert.